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BUNDESMODELLPROGRAMM: FÖRDERUNG SOZIALER
SELBSTHILFE IN DEN NEUEN BUNDESLÄNDERN

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Auftraggeber:  Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Kooperationspartner:
Laufzeit:  1992 - 1996


Bearbeitende Wissenschaftler: Joachim Braun, Ulrich Kettler, Elke Kasmann, Ingo Becker

Zielsetzung: Untersuchung von Umfang, Spektrum, Bedeutung und Entwicklung der Selbsthilfe in den neuen Bundesländern und Erprobung geeigneter Formen der Unterstützung der Arbeit von Selbsthilfegruppen und Initiativen

Kurzbeschreibung:

Das Modellprogramm "Förderung sozialer Selbsthilfe in den neuen Bundesländern" hatte zum Ziel, Umfang, Spektrum Bedeutung und Entwicklung der Selbsthilfe in den neuen Bundesländern zu untersuchen. Geeignete Formen der Unterstützung der Arbeit von Selbsthilfegruppen und Initiativen sollten erprobt werden. Der Abschlußbericht der Begleitforschung ist ein Beitrag zur empirischen Tatsachenforschung über die aktuelle Situation der Selbsthilfe und Selbsthilfeunterstützung. Er dient der Beratung der Politik in Bundesländern und Gemeinden. Durch die systematische Aufarbeitung methodisch gesicherter Beobachtungen wollen die Ergebnisse die für die Selbsthilfepolitik verantwortlichen und zuständigen Gremien informieren, die Diskussion über Fördergrundsätze an relevanten Tatsachen orientieren und aktuelle Strategien der Selbsthilfeunterstützung zur Diskussion steuern. Der Bericht legt zugleich Rechenschaft über die Begleitforschung ab. Sie hat die Auswirkungen des Modellprogramms nicht nur beobachtet und analysiert, sondern es durch koordinierende und unterstützende Maßnahmen gefördert.

Umfang und Spektrum der Selbsthilfe

In den neuen Bundesländern ist in den sechs Jahren nach der Wende ein breites Selbsthilfespektrum entstanden. Nach einer Hochrechnung von ISAB stieg die Zahl der Selbsthilfegruppen und Initiativen von 1991 bis 1995 um 50% von 5.000 auf 7.500 Gruppen. In ihnen engagieren sich ca. 250.000 Bürgerinnen und Bürger. Die Entwicklung der Selbsthilfe in den neuen Bundesländern wird an der Selbsthilfegruppendichte deutlich, der Anzahl der Selbsthilfegruppen pro 10.000 Einwohner. In den am Programm beteiligten

Städten bestehen 4,7 Gruppen pro 10.000 Einwohner, dies entspricht im Ost-West-Vergleich bereits der Hälfte der Selbsthilfegruppendichte in den alten Bundesländern (9,7 Gruppen). In ländlichen Regionen sind mit 4,2 Gruppen pro 10.000 Einwohner fast 80 des Westniveaus erreicht (5,4 Gruppen).

In der gesamten Bundesrepublik Deutschland sind heute in nahezu 70.000 Selbsthilfegruppen und Initiativen 2,65 Millionen Menschen ehrenamtlich engagiert. Von den über 18- und unter 80jährigen Bürgerinnen und Bürgern engagieren sich 4,2% in der Selbsthilfe. Der Umfang des Engagements in Selbsthilfegruppen und Initiativen ist in den vergangenen zehn Jahren erheblich gestiegen. Diese Zunahme ist nicht zuletzt auf die Unterstützung der Selbsthilfe durch Selbsthilfekontaktstellen zurückzufuhren. 1995 gab es in der Bundesrepublik Deutschland ca. 160 Selbsthilfekontaktstellen. Es ist davon auszugehen, daß durch die Einrichtung von Selbsthilfekontaktstellen in allen Kommunen und durch eine angemessene Förderpolitik das Selbsthilfeengagement weiter zunehmen wird.

Im Vergleich zum tatsächlichen Engagement liegt das Potential der Menschen, die bereit sind, sich freiwillig zu engagieren, deutlich höher. Nach Braun und Röhrig sind 5% der Bevölkerung sehr stark, weitere 28% stark an freiwilligem Engagement interessiert. Die Engagementbereitschaft wird dann zu tatsächlichem Engagement, wenn sie durch selbsthilfefreundliche Rahmenbedingungen sowie eine entsprechende Infrastruktur unterstützt wird.

Volkswirtschaftlicher Nutzen der Selbsthilfe

Über den volkswirtschaftlichen Nutzen der Arbeit von Selbsthilfegruppen und Initiativen hegen bislang nur wenige gesicherte Informationen vor. Eine in München 1992 durchgeführte Untersuchung ergab, daß Investitionen der Selbsthilfeförderung durch Einsparung sonst notwendiger Leistungen des Sozial- und Gesundheitssystems sowie durch unentgeltlich erbrachte Leistungen der Bürger zu erheblichen Rückflüssen den. Neben den öffentlichen Haushalten profitieren hiervon die Träger der Sozialversicherungen, insbesondere die Krankenkassen. Die Befragungen von Selbsthilfegruppen und Initiativen zeigt daß die gesellschaftliche Wertschöpfung, die von den Mitgliedern der Selbsthilfegruppen und Initiativen für sich und andere jährlich erbracht wird, auf über 4 Milliarden DM geschätzt werden kann.

Nutzer und Leistungen der Selbsthilfekontaktstellen

Selbsthilfekontaktstellen erbringen fachübergreifend Dienstleistungen für alle Bereiche der sozialen und gesundheitlichen Selbsthilfe. Als niederschwelliges Angebot können sie von Bürgem, die sich in Selbsthilfe engagieren wollen, leicht erreicht und in Anspruch genommen werden. Selbsthilfekontaktstellen aktivieren und unterstützen das Engagement von Bürgern in Selbsthilfe. Selbsthilfekontaktstellen übernehmen zudem die Funktion von Service- und Vermittlungsagenturen an der Schnittstelle von Selbsthilfe und professionellem Dienstleistungssystem.

1993-1995 haben die 17 Selbsthilfekontaktstellen in den neuen Bundesländern 36.700 Nutzer mit 98.400 Kontakten erreicht. Eine "erfolgreiche" ländliche Kontaktstelle erreicht pro Jahr durchschnittlich 536 Nutzer, für die in 1.634 Kontakten 1.790 Leistungen erbracht werden, eine "erfolgreiche" städtische Kontaktstelle im Durchschnitt 1.172 Nutzer mit 2.865 Kontakten und 4.308 Leistungen.

Selbsthilfekontaktstellen haben drei Adressatengruppen, für die sie Leistungen erbringen: Sie informieren, beraten und vermitteln selbsthilfeinteressierte Bürger. Sie unterstützen und beraten Selbsthilfegruppen und Initiativen, und sie kooperieren mit Fachleuten aus Politik und Verwaltung sowie dem Sozial- und Gesundheitswesen.

Umsetzung und Schlußfolgerungen

Selbsthilfeförderung ist eine Gemeinschaftsaufgabe der öffentlichen Hand - der Länder und Kommunen -, an der insbesondere die Krankenkassen zu beteiligen sind. Der Gesetzgeber hat die Beteiligung der Krankenkassen im Rahmen des Paragraphen 20 Abs. 3a SGB V als freiwillige Leistung vorgesehen. Die Erfahrungen im Modellprogramm haben gezeigt, daß die Krankenkassen die vom Gesetzgeber vorgesehene Möglichkeit der Finan2ierung von Selbsthilfekontaktstellen nur zögerlich übernehmen.

Zur Institutionalisierung von Selbsthilfekontaktstellen sind zwei Organisationsmodelle möglich:

Selbsthilfekontaktstellen können dann effektiv arbeiten, wenn sie entsprechend der Struktur und Größe ihrer Einzugsgebiete über eine angemessene Personal- und Sachausstattung verfügen. Hierzu werden zwei Typen von Selbsthilfekontaktstellen empfohlen:

Um allen Bürgern Zugang zu den Kontaktstellen zu ermöglichen, sollten Selbsthilfekontaktstellen in allen Städten und Kreisen eingerichtet werden. Die Förderung auf Landesebene sollte auf der Grundlage von Förderrichtungen für Selbsthilfekontaktstellen erfolgen. An der Finanzierung sind das Land, die jeweiligen Träger und Kommunen, Sozialversicherungsträger sowie weitere Partner zu beteiligen. Perspektivisch ist es sinnvoll die Förderung erfolgreicher engagementfordernder Dienste für bürgerschaftliches Engagement und Selbsthilfe zu bündeln.

Outputs:
(Zu den Veröffentlichungen)

Braun, Joachim / Kasmann, Elke / Kettler, Ulrich: Selbshilfeförderung durch Länder, Kommunen und Krankenkassen. Förderbedarf und Empfehlungen. Schriftenreihe des BMFuS Bd. 42. Kolhammer, 1994.

Kettler, Ulrich (Red. Bearb.). Praxishandbuch für Selbsthilfekontaktstellen. ISAB-Schriftenreihe: Berichte aus Forschung und Praxis Nr 17, Köln 1995. 4. Auflage, ISBN 3-929877-00-7.

Braun, J./ Kettler, U. (Red. Bearb.): Selbsthilfe 2000. Perspektiven der Selbsthilfe und ihrer infrastrukturellen Förderung. Fachtagung. ISAB-Schriftenreihe: Berichte aus Forschung und Praxis Nr 42, Köln 1996. ISBN 3-929877-10-4.

Braun, Joachim/ Kettler, Ulrich/ Becker, Ingo: Selbsthilfe und Selbsthilfeunterstützung in der Bundesrepublik Deutschland. Abschlußbericht Schriftenreihe des BWSFJ Bd. 136. Kohlhammer, 1997.

Braun, J./ Klemmert, O. (Redaktion und Konzeption): Selbsthilfeförderung und bürgerschaftliches Engagement in Städten und Kreisen. Fachtagung des BMFSFJ am 16./17. Februar 1998 in Bonn. ISAB-Verlag Köln 1998. ISBN 3-929877-15-5.